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Michelle Forbes: Wilde Naturgewalt in „True Blood“






Letzte Nacht haben wir uns alle an unsere Sitze geklammert, als Sookie, Jason und Bill zurück in ihre süße Kleinstadt Bon Temps kamen und diese von Maryann Forresters Wahnsinn verwüstet vorfanden.

Und dann haben wir, nach fast 14 Episoden akribischer Konstruktion von True Blood Macher Alan Ball, herausgefunden, dass er eine der schrecklichsten Mächte der gegenwärtigen Kultur, eine Macht die auch noch unsterblich scheint, jedoch noch in ihrer moralischen Zweideutigkeit besonders erschreckend ist, geschaffen hat.


Man kann sagen was man will über die Schlechtigkeit von Maenaden wie True Bloods Maryann, aber die außergewöhnliche Darstellerin hinter dem Charakter hat eine etwas andere Sicht auf den Wahnsinn der Magd Dyonisos‘. Nach der Werbung erklärt Michelle Forbes, wieso Blut und Eingeweide den Charakter nicht unbedingt düster machen und wie die Darstellung einer solch manisch freien Kreatur wohl die herausforderndste Rolle ihres Lebens war.



 

In True Blood spielen Sie Maryann Forrester – einen Charakter der, wie wir jetzt wissen, gottgleich, bösartig und genau das Gegenteil Ihrer Darstellung von Kate in On Treatment ist. Wie haben Sie sich an die Rolle der Maryann Forrester gewöhnt?


Kate war bodenständig und hatte überhaupt kein Selbstvertrauen. Sie hatte ein gutes Herz. Maryann ist genau das Gegenteil. Sie lacht über Dinge die jeden anderen erschauern lassen würden. Anfangs war es erstickend ihre Ausgiebigkeit zu erleben. Die meisten von uns sind von Angst oder Reue oder Leid getrieben. Sie ist absolut angstfrei. Danach wurde es das lustigste Spiel der Welt.



 

Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet – gab es Charaktere von denen Sie sich haben inspirieren lassen?


Ich habe mir eine Menge Ken Russell Filme angesehen. Diese Frauen tanzen und singen. Sie rennen durch die hüglige Landschaft Englands und sind verrückt. Das war definitiv eine Art des Hedonismus den wir, in gewisser Weise, immer wieder erlebten. Ich habe auch viel über Lydia Lunch in den 80ern in Ney York nachgedacht. Sie war eine Frau, die keine Grenzen hatte und sehr sexuell befreit war. Sie hat auch die Musik in gewisser Weise revolutioniert mit all dem Chaos und dem Zerstören der Regeln und Grenzen und Limits. So viele Menschen in New York City haben das Gleiche getan, haben wirklich versucht, zwischenmenschliche Ideale zu zerstören und auf eine andere Art und Weise kreativ zu sein. All das durch den Trichter des Chaos‘ und der Zerstörung.



 

Was ist Ihrer Meinung nach befreiend daran, einen Charakter mit so wenigen Grenzen zu spielen?


Für 18 Stunden am Tag muss man total frei sein. Es war eine Freude, auf Arbeit zu gehen. In Abendkleidern herumzulaufen. Unheil anzurichten. Ich ging nach Montréal um diese dunkle Serie namens Durham County zu drehen – es geht um eine Frau die alles verliert. Es geht um Traumata und tote Kinder. Leid und Schmerz. Und dann tauchte ich in In Treatment auf bevor ich zu True Blood kam.  Ich nehme meine Charaktere nicht mit nach Hause. Es war schön, mal alles abzuwerfen, sich schmutzig zu machen und ein wenig zu tanzen.



 

Anfangs sahen wir Maryann nur kurz am Ende der ersten Staffel. Aber dann wurde ihr Einfluss immer größer. Jetzt ist sie der Mittelpunkt der Serie. Als Sie unterschrieben, wusste Sie da schon, dass Sie so eine wichtige Rolle spielen würden?


Sie war ein bisschen mysteriös,  diese erste Staffel. Aber es ist Alan und diese wunderbaren Autoren – man hat einfach ein unglaubliches Vertrauen. Es ist für mich immer noch ein bisschen ein Geheimnis. Aber in dieser zweiten Staffel – Dionisos und griechische Mythologie. Man hat mir viele Dinge vorher verraten, die später passierten. Man merkt sich das also und weiß noch nicht so recht, wie das später mal aussehen wird. Es war einfach unglaublich, denn am Ende der Staffel werden alle Fäden zusammen geführt.

 



In der Vergangenheit sagten Sie, dass die barbarische Natur des Charakters nicht unbedingt bösen Ursprungs ist, denn sie lebt in einer anderen moralischen Umgebung als wir. Sind Sie immer noch dieser Meinung, nachdem Sie gesehen haben, wie brutal sie sein kann?


Ich glaube, dass sie ein Charakter ist, den man in einer anderen Perspektive sehen muss. Wenn man bedenkt, dass es sich um ein unsterbliches Wesen handelt. Es gibt sie schon seit Anbeginn der Zeit. Sie hat in bestimmten Perioden der Menschheit gelebt, in denen man dabei zugesehen hat, wenn ein Mann einen anderen zum Spaß zerfetzte. Kinder wurden geopfert. Das ist, geschichtlich gesehen, nicht unbekannt. Sie hat all das gesehen. Was meiner Meinung nach so toll an dem Handlungsstrang ist, ist dass es unser Glaubenssystem herausfordert. Sie und ich können hier um Jahre 2009 sitzen und sagen, dass es unerhört ist, dass ein Mensch einen anderen opfert. Meine Einstellung als Vegetarierin ist, dass ich es nicht zulassen kann, dass ein Tier geopfert wird. Ich stehe dazu, dass in Maryanns Vorstellung sie nichts Falsches tut. Sie hat eine andere Sicht auf die Welt.



 

Was sollen wir denn von ihrer Beziehung zu Tara halten – wieso ist sie so erpicht darauf, Tara von ihrer Mutter zu trennen?


Die ganze Stadt ist ihrer Meinung nach bevölkert von Verrückten. Sie ist reif für Maryanns Unheil. Jeder ist auf seine Art so unglaublich bruchstückhaft und skurril. Tara, wie wir sie in der ersten Staffel kennenlernen, ist so empfänglich für jemanden der, wie Maryann, auf der Jagd ist. Tara ist die Verbindung zur Stadt, zu Sam und Sookie. Sie hatte so ein schweres Leben und ist so angreifbar und verloren, dass als Maryann sie findet, sie ein leichtes Ziel ist. Genau deshalb greift sie sie an.



 

 Was überrascht Sie am moisten an Maryann?


Ich hatte nie mehr Spaß auf Arbeit. Ich spiele häufiger im Schneid-die-Pulsadern-auf Fernsehen mit als in etwas wie True Blood. Zur Arbeit zu gehen und in Abendkleidern herumzulaufen, zu kichern und zu lachen und all diese verrückten Dinge zu tun, die die Autoren von uns verlangen – es war fantastisch. Man freut sich darauf, auf Arbeit zu gehen. Ich war grad erst drin und hab ein bisschen Nachbearbeitung fürs Finale gemacht – es war wunderbar. Es war so toll, wieder in die Rolle zu schlüpfen und diese Freude und Freiheit noch einmal zu erleben. Es war ein gutes Gefühl. Wir hatten eine unglaubliche Zeit in dieser Staffel.



 

Anscheinend wird das Auftreten von Sophie-Anne, der Vampir Königin von Louisiana, einen großen Teil zu Maryanns Vernichtung  beitragen. Können Sie dazu irgendwas sagen?


In den letzten drei Episoden ist Bon Temps völlig umgekrempelt. Jetzt geht es darum, der Sache auf den Grund zu gehen und aufzuräumen.

 



Man sagte mir, ich sollte alles meiden, was Sie gekocht haben. Hauptächlich Maryanns Jägersoufflés wegen. Wie gut sind Ihre Kochkünste hinter der Kamera?


Sehr erbärmlich. Ich musste sogar eine Unterrichtsstunde im flambieren nehmen um das Herzsoufflé zubereiten zu können – um 5 Uhr morgens. Meine Kochkünste stehen nicht zur Diskussion. Ich habe den Autoren vorgeschlagen, eine schlechte Fernsehsendung mit Maryann und Carl zu machen. So wie Martha Stewart auf Crack – wir würden Zierdeckchen und Schals machen und Kopfbedeckungen mit Federn. Ich mag die Zweischneidigkeit von Maryann – diese ursprüngliche, ungezähmte wildes Kind Seite an ihr. Dann diese andere Seite. Die ist häuslich und mag es, Blumen zu arrangieren, Obst zu essen und Essen zu verteilen. Und sie mag es, im Dreck zu wühlen.



 

Mit welchem Charakter können Sie sich privat am meisten identifizieren?


Ich bin auch ein Fan der Serie. Die Handlungsstränge waren unabhängig voneinander und wir haben sehr begabte Autoren und Schauspieler. Ich konnte es kaum erwarten, zu sehen, was alle anderen produziert hatten. Ich wollte mit Drehen fertig werden und sehen, was die Jungs taten. Ich bin kritisch. Man steht daneben und bewertet die Arbeit der anderen objektiv. Ich bin davon sehr beeindruckt. Die Produktionsarbeit und Kostümdesigner. Ich habe Glück, dass ich die ganze Produktion als Gemeinschaft sehen konnte und keine Narzisstin bin. Dass ich sehen konnte, wie alles zusammen arbeitet. Es ist so erhöht und übertrieben manchmal. Jeder hatte diese unglaublichen Herausforderungen  auf dem Papier, die nicht funktionieren können und dann wunderbar klappten. Ich wurde ein kleiner Teil davon.

 

Was ich weiß, ist, dass mein Lieblingscharakter sich je nach Stimmung verändert. In dem einen Moment ist Hoyt mein Liebling, in der nächsten ist es Hoyts Mutter. Dann Lafayette. Dan Andy Bellefleut. Dann Jason – ich kanns kaum erwarten, zu sehen, was er als nächstes macht. Ich kann mich an keine andere Serie erinnern, bei der ich mich so gefühlt habe, bei der ich von allen fasziniert war und die richtig schnulzig werden kann. Was das Indentifizieren betrifft, vielleicht Tara wenn ich einen Komplex hätte. Vielleicht Detective Bellefleur der alles aufwirbelt, wenn ich mal nichts auf die Reihe kriege. Ich identifiziere mich mit Sam Merlotte, der immer versucht, das Richtige zu tun. Ich glaube, das ist der Grund, wieso so viele Leute die Serie mögen, man findet immer jemanden, mit dem man sich identifizieren kann. Ich liebe es, dass wir dieses Jahr die dunklere Seite von Bill Compton gesehen haben. Er hat sich mit seiner Vergangenheit und seiner Menschlichkeit rumgeschlagen. Er wird noch eine Weile brauchen, um alles zu verstehen. Ich identifiziere mich mit ihm, da wir immer alle versuchen, uns mit unserer Vergangenheit auseinander zu setzen. Und versuchen, eine bessere Zukunft zu haben. Wir alle wollen Sookie sein, immer ist was los, die hübschen Kerle rennen uns nach. Auf einer gewissen Ebene identifiziere ich mich mit allen. Oder wäre gerne sie



 

Da Sie das nun schon sagten: Wollten Sie jemals, dass Maryann mit einem der männlichen Hauptdarsteller was haben sollte?


Ich sage nur eins: Im Finale habe ich eine der interessantesten Liebesszenen, die ich je drehte. Ich kichere immer noch darüber.

 



Wieso hat dieser verstörende Charakter Ihrer Meinung nach so viel Eindruck auf die Zuschauer gemacht?


Ich glaube es liegt daran, dass wir in einer Zeit der Verklemmtheit leben – wenn man mal die letzten acht Jahre der Regierung bedenkt. Die Christenheit regiert wer wir sind und wo wir sind und wir alle nehmen das unterschiedlich auf. Es wird spannend, zu sehen, wo wir in fünf Jahren sein werden.



 

Welche Herausforderung such eine Schauspielerin nach einer superlativen Rolle wie der der Maryann Forrester?


Es wird schwer sein, etwas so witziges wie die Welt, die Alan Ball erschuf, zu finden. In ihr geht’s um den Trunkenbold der Stadt, den Gestaltwandler-Chef. Es geht um Tara und ihr Heranwachsen zur Frau und ihr Selbstverständnis. Es geht um telepathische Kellnerinnen. Diese Gemeinschaft. Die Intelligenz Alans und der Autoren, ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, die so schön und komplex sind, wird True Blood ein langes Leben verschaffen.


Quelle: blackbookmag.com

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